09
Jun

Wollt ihr als nächstes die Luft patentieren?

Das Thema ist nicht neu und auch nicht unbekannt, aber brandaktuell – und das schon seit Jahren. Es ist ein Thema, das nur zu leicht in den Hinterkopf rutscht und immer wieder in Vergessenheit gerät. Ich bin letztens wieder auf einen Artikel dazu gestoßen und wurde somit an dieses große Problem erinnert. Da es mich wieder, wie immer wenn ich davon höre, absolut geschockt hat, habe ich angefangen zu recherchieren.

Es geht um das Thema der Patente auf Lebensmittel. Insbesondere auf Gemüse und Getreide. Immer mehr Patente auf Sorten landwirtschaftlicher Pflanzen werden von der EU ausgesprochen. Und das obwohl in in Artikel 53(b) des Europäischen Patentabkommens steht, dass „Pflanzensorten oder Tierrassen sowie im Wesentlichen biologische Verfahren zur Züchtung von Pflanzen oder Tieren“ nicht patentiert werden dürfen. Wie also ist es möglich, dass inzwischen auf mehr als 2000 Sorten und Rassen ein Patent erteilt wurde (schaut euch mal im Patentregister um)?

Das erste derartige Patent gab es für eine genmanipulierte Maus. Die Maus war so manipuliert worden, dass sie anfällig für Krebserkrankungen war und somit in der Krebsforschung angewendet werden konnte. 1992 wurde diese Maus patentiert und der oben genannte Paragraph wurde umgangen indem die Maus nicht als Tierrasse, sondern als Erfindung bezeichnet wurde. Damit war ein Präzedenzfall geschaffen und der Weg geebnet für die vielen Patente die noch folgen sollten. Nach und nach wurden immer mehr gentechnisch manipulierte Pflanzen und Tiere patentiert worden und nach einer Weile kamen auch herkömmlich gezüchtete dazu, inzwischen sind 180 herkömmliche Züchtungen patentiert, und 600 weitere stehen kurz davor. Die Begründung dahinter ist, dass die Züchtungsverfahren zwar nicht patentierbar seien, die Ergebnisse aus ihnen jedoch als Erfindung gelten. Es scheint als würde das Patentamt sein Abkommen auslegen, wie es ihm, oder den Großkonzernen, gerade passt. Da das Patentamt nicht dem Europäischen Gerichtshof unterliegt, ist es faktisch eine unkontrollierte Instanz. Dass das Patentamt an seinen erteilten Patente verdient, trägt sicherlich auch nicht gerade zu seiner Neutralität bei.

Große Konzerne wie Monsanto, Syngenta, Seminis, Bayer und Co, sichern sich mit den Patenten Monopole auf dem Lebensmittelmarkt. Sie können nun entscheiden was angebaut wird und zu welchem Preis. Die Patente schützen neben dem Saatgut auch die Pflanzen und die daraus entstehenden Produkte. 95% des Gemüsesaatguts in Europa wird von fünf Unternehmen kontrolliert. Diese Unternehmen züchten und manipulieren ihre Pflanzen mit einem einzigen Ziel: Profit. Somit werden möglichst ertragreiche Pflanzen gezüchtet, die viel Dünger und Pestizide benötigen um diese Erträge erbringen zu können (komisch nur, dass auch Dünger und Pestizide oft von den selben Unternehmen hergestellt werden). Die Pflanzenhybride sind oft so manipuliert, dass nur die erste Generation ertragreich ist. Um hohe Erträge zu erzielen sind Bauern also gezwungen jedes Jahr für teures Geld, neben Düngern und Pestiziden, neue Pflanzen zu kaufen. Dies kann Bauern mitunter in den Ruin treiben. Die teuren Preise des genveränderten Saatguts haben in Indien zur Armut der Bauern beigetragen, die letzten Endes sogar Selbstmordwellen ausgelöst hat.

Auch für die Umwelt und somit für uns alle sind die Folgen desaströs. Die Kontrolle des Marktes durch Großbetriebe führt zur Entstehung von riesigen Monokulturen. Diese schaden der Biodiversität von Pflanzen, wie auch Tieren. Die sehr eingeschränkte genetische Diversität der Pflanzen macht sie verletzlich. In einem kleinen genetischen Pool, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Individuen gibt, die gegen Krankheiten oder ähnlichem resistent sind, deutlich geringer. Ein Beispiel hierfür sind die Bananenpflanzen, die durch ihre geringe Diversität nicht zum ersten Mal einem Schimmelpilz nicht viel entgegenzusetzen haben. Aber mit Bananen gibt es ja sowieso ganz andere Probleme. Auch die Toleranz für Veränderungen, wie zum Beispiel heißere Sommer und mehr oder weniger Niederschlag, ist in einer derartig eingeschränkten Bevölkerung stark verringert. Durch ungewollte Auskreuzung mit wilden Sorten kann sich die durch Genveränderung entstandene Pestizidresistenz ausbreiten und zur Entstehung von sogennanten ‚Superweeds‘ führen. Auch die Pflanzenschädlinge, die mit den Pestiziden bekämpft werden sollen werden resistenter. Damit kämen wir dann womöglich in einen Teufelskreis in dem wir immer stärkere Pestizide bräuchten, und daher immer resistentere Nutzpflanzen. Leider bleiben Pestizide und Dünger die auf den Feldern ausgetragen werden nicht auf den Feldern. Durch Regen werden sie ausgewaschen, verteilen sich und landen am Ende in Gewässern, wo sie sich anreichern, das Wasser verschmutzen und Nährstoffe eintragen die zum Umkippen von Seen führen können.

Doch der Widerstand regt sich. Das Bündnis ‚Keine Patente auf Saatgut‚ wurde 2007 gegründet und kämpft seitdem gegen diese Patentierung an. Noch kann das Patentamt unkontrolliert walten. Inzwischen ist das Problem jedoch auch in der breiten Bevölkerung angekommen und 550 000 Bürger unterzeichneten eine Petition auf Campact. Noch diesen Monat tagt der Verwaltungsrat des Europäischen Patentamtes, die diesem Treiben Einhalt gebieten könnten. Die Unterstützung der Bevölkerung für eine Regulierung ist da. Auch die Deutsche Regierung steht hinter einer strengeren Einhaltung des Patentabkommens. Ich habe die Hoffnung, das diesmal die Vernunft die Geldgier überwinden wird!

Foto: unsplash.com/Rasmus Landgreen

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