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Jan

Das Moor: Aschenputtel unter den Ökosystemen

Noch bis vor kurzem beschäftigte ich mich in meiner Masterarbeit mit Mooren. Im Englischen heißen sie „peatlands“ und irgendwie finde ich diesen Begriff viel wohlklingender. Daher musste ich tatsächlich auch erst kurz überlegen, wie ich das nun am besten ins Deutsche übersetze.

Während meiner Arbeit lernte ich nicht nur einiges über diese faszinierenden Ökosysteme, sondern mir wurde auch klar, dass viele Menschen gar nicht genau wissen was Moore überhaupt sind. Oder aber, sie wissen es zwar, sind sich ihrer wahren Bedeutung jedoch nicht bewusst. Höchste Zeit also, dass ich mich diesem Thema auch hier mit ein paar Zeilen widme.

Moore protzen nicht mit ihrer Anwesenheit, sie sind recht unaufdringlich und manch einer würde sie sogar als trostlos und eintönig beschreiben. So würde ich das nicht nennen. Dennoch, ihre mystische und etwas verborgene Schönheit benötigt eventuell einen zweiten Blick. Hat man diese jedoch erst einmal erkannt, zieht sie einen in ihren Bann.

Moore sind Feuchtgebiete.

Nein, das hat nichts mit dem heiß umstrittenen Roman von Charlotte Roche zu tun. Obwohl man tatsächlich keine anderen Treffer landet wenn man diesen Begriff in der Mehrzahl bei Google eingibt… Vielleicht nenne ich es deshalb besser Feuchtbiotope. Anderes ausgedrückt bedeutet das ganz einfach, dass es sich bei Mooren um Landregionen handelt, die sehr nass sind und einen hohen Wasserspiegel besitzen. Sie weisen daher nicht nur terrestrische Lebensräume auf, sondern auch aquatische und sind dadurch äußerst vielfältige Ökosysteme. Allerdings sind nicht alle Feuchtbiotope auch Moore. Moore sind durch eine bestimmte Art von Boden gekennzeichnet, der durch die Anreicherung unvollständig zersetztem Pflanzenmaterial über Jahrhunderte gebildet wird. Diese Art von Boden nennt man Torf (weshalb Moore auch unter dem Begriff Torflandschaften bekannt sind).

Auf den ersten Blick könnte man Torf mit der herkömmlichen Erde, die man auch im eigenen Garten findet, verwechseln. Die Zusammensetzung und chemischen Eigenschaften sind jedoch komplett anders. Torfbildung ist nur unter permanenter Wassersättigung und einer hohen Produktion von Pflanzenmaterial, die höher sein muss als deren Zerfall, möglich. Moore weisen im gesunden Zustand immer einen hohen Wasserstand auf, der mindestens nahe der Oberfläche liegt. Die Lebensbedingungen sind entsprechend hart, denn die ständige Nässe führt dazu, dass der Torfboden ziemlich sauer und nährstoffarm ist (1).

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Abbildung 1: Niedermoor in Irland (Quelle: Florence Renou-Wilson)

Moore gibt es fast überall auf der Welt.

Ein Blick auf die Karte unten zeigt, dass Moore weltweit verbreitet sind und fast in jedem Land vorkommen. Da jedoch bestimmte Klimabedingungen für die Torfbildung nötig sind, findet man sie vor allem in tropischen, borealen und subarktischen Zonen, wie zum Beispiel Kanada, Skandinavien oder Indonesien. Auch in Irland oder dem Vereinigten Königreich sind sie sehr weit verbreitet. Wer schon einmal eines dieser Länder besucht hat, ist wahrscheinlich auch dem einen oder anderen Moor begegnet, wenn auch vielleicht unbewusst. Allerdings muss man nicht extra ins Ausland reisen um Moore zu bestaunen, denn es gibt sie auch hier bei uns. Zu den bekannten Moorlandschaften in Deutschland zählt beispielsweise das Teufelsmoor in Norddeutschland oder das Hochmoor Wurzacher Ried im Süden.

Durch die weite geographische Verbreitung gibt es eine enorme Vielfalt an Moorlandschaften. Moore in Skandinavien unterscheiden sich beispielsweise stark von den tropischen Moorsümpfen in Indonesien. Dennoch haben sie alle die Eigenschaft der Torfbildung gemeinsam. Am besten bekommt man einen Eindruck davon, wenn man sich die Landschaften anschaut, z.B. durch die Videos auf dieser Seite.

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Abbildung 2: Globale Verbreitung von Moorlandschaften (Quelle: Riccardo Pravettoni, UNEP/GRID-Arendal)

Moore sind wichtig für das Klima und die Biodiversität

Moore leisten einen erstaunlichen Beitrag zum globalen Gleichgewicht!

Eine ihrer Hauptfunktionen ist die Klimaregulation. Sie speichern den Kohlenstoff abgestorbener Pflanzen im Torf, sodass dieser nicht mit Sauerstoff reagieren kann und folglich kein CO2 gebildet wird. Unterm Strich entziehen Moore daher der Atmosphäre CO2 (über die Pflanzen), speichern es im Boden und wirken dadurch der Erderwärmung entgegen.

Weiterhin sind Moore von globaler Bedeutung für die Erhaltung der Biodiversität. Es handelt sich um ausgesprochen heterogene Ökosysteme mit vielen verschiedenen Mikrohabitaten, wodurch sie eine einzigartige und hochspezialisierte Flora und Fauna aufweisen. Durch die rauen Bedingungen in den Mooren ist die Biodiversität in der Regel geringer im Vergleich zu anderen Ökosystemen in der gleichen biographischen Region. Dafür weisen Moore jedoch sehr seltene und bedrohte Tier- und Pflanzenarten auf, welche speziell an die dauerhaft feuchte Umgebung angepasst sind. Moore bieten insbesondere sehr passende Bedingungen für Moose und Lebermoose und spielen eine sehr wichtige Rolle in der Erhaltung der Diversität dieser Urpflanzen (1).

In dem Dokumentarfilm Magie der Moore macht Jan Haft auf die Schönheit und Einzigartigkeit der Moore in Deutschland aufmerksam. Einen kleinen Ausschnitt davon gibt es hier:

Eine sehr gute Übersicht über die Bedeutung der Moore insbesondere bezüglich Klima und Biodiversität bietet dieser Kurzfilm (englisch):

Moore sind in Gefahr.

Die Wechselwirkungen zwischen Wasser, Vegetation und Torf ist in Mooren enorm, wodurch diese Ökosysteme extrem empfindlich auf Veränderungen reagieren. Wird eine dieser Komponenten gestört, und sei es nur geringfügig, wird das natürliche Gleichgewicht des gesamten Systems unterbrochen und bewirkt eine Kettenreaktion die früher oder später auch die anderen Komponenten beeinflussen wird (1).

Aus diesem Grund haben die Aktivitäten von uns Menschen einen starken Einfluss auf den Zustand der Moore.

Moore werden für land- und forstwirtschaftliche Zwecke entwässert, sie dienen der Viehhaltung zum Grasen und in manchen Ländern wird der Torf zusätzlich ausgestochen und als Brennmaterial verwendet. Hinzu kommen noch Landrodungen, urbane Entwicklungen oder Umweltverschmutzung. All diese Prozesse stören das natürliche Gleichgewicht von Mooren und fast all diese Eingriffe führen letztendlich zu Wasserverlust.

Dieser Wasserverlust führt wiederum dazu, dass die natürlichen Funktionen des Ökosystems zerstört oder zumindest stark beeinträchtigt werden – mit globalen Konsequenzen.

Wenn ein Moor austrocknet, wird die tote Pflanzenmasse schneller zersetzt. Als Resultat wird der Kohlenstoff der zuvor im Torf festgehalten wurde, als CO2 freigesetzt und trägt damit erheblich zum Klimawandel bei. Außerdem haben menschliche Aktivitäten auch dramatische Auswirkungen auf die natürliche Biodiversität. Die angepassten Moorspezies können der Konkurrenz, die unter den neuen Bedingungen plötzlich zum Vorschein kommt, nicht mehr standhalten und verlieren ihren Lebensraum.

In tropischen Regionen werden Torfsümpfe entwässert und gerodet um Nutzpflanzen wie Ölpalmen oder Kautschukbäume anzubauen. Jeder Quadratkilometer kommt im Grunde einer Umweltkatastrophe gleich und zwar nicht nur in Anbetracht der globalen Klimaauswirkungen oder der vom Aussterben bedrohten Tierarten, sondern auch weil das kohlenstoffreiche Torf im trockenen Zustand hoch entzündlich ist. Daher wüten in diesen Regionen regelmäßig schwer kontrollierbare Brände, die noch mehr Probleme verursachen – für die Umwelt, aber auch für die Menschen vor Ort.

Dieses Video bietet eine sehr gute Zusammenfassung über die Situation der Moore in Indonesien:

Laut dem Millennium Ecosystem Assessment „findet die Zerstörung und der Verlust von Feuchtbiotopen (inklusive Moore) schneller statt als bei jedem anderen Ökosystem” (2). In Deutschland sind nur noch rund fünf Prozent der ursprünglichen Moore in ihrem natürlichen Zustand zu finden. Die weltweite Situation ist äußerst heikel.

Aber es besteht Hoffnung.

Die Welt hat erkannt, dass die Zerstörung der Moore globale Konsequenzen hat, die auch direkt uns Menschen betreffen. Daher werden Schutz und Restaurierung dieser Ökosysteme immer wichtiger. Neben zahlreichen nationalen und regionalen Schutzprojekten, gibt es auch einige internationale umweltpolitische Abkommen, die unter anderem auch konkret Moorlandschaften berücksichtigen, beispielsweise die UN Klimarahmenkonvention(United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) oder das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD). Diese verpflichten die Mitgliedstaaten entsprechende Maßnahmen zu treffen um den Schutz und die Restaurierung von Mooren zu gewährleisten.

Dennoch, es ist keine einfache Aufgabe und es benötigt mehr als die Aufmerksamkeit der Regierungen. Es benötigt auch unsere Aufmerksamkeit, dass wir beginnen den wahren Wert der Moore schätzen zu lernen und dass wir verstehen, weshalb sie so gefährdet sind. Wenn wir das tun, können wir alle im kleinen Rahmen etwas zum Schutz dieser atemberaubenden Ökosysteme beitragen; indem wir die Aufmerksamkeit erhöhen und uns gezielt gegen bestimmte Produkte entscheiden, die die Zerstörung der Moore antreibt.

Bildquelle: Florence Renou-Wilson (Das Foto zeigt ein Niedermoor in Irland)
  1. Parish, F., A. Sirin, D. Charman, H. Joosten, T. Minayeva, M. Silvius, and L. Stringer. 2008. Assessment on Peatlands, Biodiversity and Climate Change: Main Report., 215 pp.
  2. Millennium Ecosystem Assessment. 2005. Ecosystems and Human Wellbeing: Biodiversity Synthesis. Washington, DC: Island Press.

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